Zwischen Bewunderung und Bedrohung entscheidet sich, ob Nähe den Selbstwert stärkt – oder ihn ins Wanken bringt.
Inhaltswarnungen
- Beziehungsdynamik
- Selbstwert
Die Kurzgeschichte
Für Svenja war es ein Tag wie jeder andere. Sie verbrachte schon am frühen Morgen einige Zeit damit, Peters Befinden zu antizipieren und sich so gut es geht darauf einzustellen.
Oft musste Svenja Peters schlechte Laune ertragen, wenn er wortlos nach Hause kam und gleich vom Fahrrad, das ihn einigermaßen durch die große Stadt mit dem chronischen Verkehrsinfarkt trug, in die Laufschuhe wechselte, um eine Stunde am nahen Fluss zu joggen. Svenja befand sich mit ihren 25 Jahren im Master-Studiengang Psychologie an der Hamburger Universität und reagierte meist verständnisvoll. Sie kannte ihren Peter nun schon seit fünf Jahren, erst kürzlich waren sie zusammengezogen und mieteten nun eine 2-Zimmer-Wohnung im Zentrum.
Noch vor vier Jahren war Peter ihr Tutor in Statistik gewesen, der sie auf die Prüfung in dem so unbeliebten und oft auch als schwer empfundenen Teilgebiet der Psychologie vorbereiten sollte. Auch Svenja hatte so ihre Schwierigkeiten, die vielen statistischen Formeln zu lernen und anzuwenden. Schlicht gesagt: Statistik interessierte sie eigentlich auch gar nicht. Schließlich hatte sie ihr Studienfach gewählt, um mit Menschen arbeiten zu können - und nicht mit trockenen Zahlen. Umso mehr bewunderte sie Peter, der es verstand, Statistik mit Leben zu füllen. Immer wieder generierte er Beispiele aus dem täglichen Leben, die ihr und ihren Kommilitoninnen schlagartig klar werden ließen, was sich hinter Zusammenhangsmaßen und statistischen Signifikanzen verbarg.
Ihr imponierte seine ruhige und souveräne Art, zudem war Peter zugegebenermaßen recht attraktiv. Groß, schlank und durchtrainiert, was angesichts seiner sportlichen Ambitionen auch gar nicht weiter verwunderte: Noch vor 2 Jahren war Peter Hamburger Meister im 10 km-Lauf. Oh, wie glücklich war sie, als sie Peter dann einmal außerhalb des Seminarraumes auf dem Weg zu seinem Fahrrad traf und sofort in ein zwangloses Gespräch kam. Peter schien auch seinerseits Interesse an Svenja zu haben! Tatsächlich folgten die ersten Verabredungen und beide wünschten sich schnell viel mehr gemeinsame Zeit.
Kurzum: Svenja und Peter wurden ein Paar. Zwar betrachtete Svenja die Statistik weiter als ein notwendiges Übel ihres Studienfaches, jedoch genoss sie andererseits auch die Anerkennung ihrer Studienfreundinnen: Sie und der smarte Statistik-Experte. Voller Stolz und Selbstbewusstsein betrat sie jetzt die Seminarräume der Universität, auch wenn es um Statistik und Methodenlehre ging.
Erst langsam bemerkte sie eine gewisse Launenhaftigkeit an ihrem Freund. Peter wirkte dann so seltsam still und nachdenklich, fast ein bisschen unheimlich. Dann manchmal aber auch total euphorisch, wenn er es mit seiner Abenteuerlust übertrieb.
Dabei hatte sich Svenja zuletzt zu einer richtigen Sportskanone entwickelt, hatte mehr und mehr Gefallen an dem langjährigen Hobby ihres Freundes gefunden. Beim Joggen hielt sie mittlerweile soweit mit, dass nach 5 Kilometern beide gemeinsam ins Ziel kamen. Svenja wähnte sich auf einer sicheren Spur, um mit ihrem Partner eine weitere schöne Gemeinsamkeit teilen zu können. Umso mehr wunderte sie sich über Peters wiederholte Übellaunigkeit, gerade auch, wenn es um Sport ging.
Aber vielleicht sollte sie es als angehende Psychologin mit ihren Persönlichkeitsanalysen auch nicht auf die Spitze treiben. Und so fügte sie sich fast immer Peters Vorschlägen, an den Wochenenden mal den Alltagstrott auszublenden und sich in der Natur den einen oder anderen Kick zu holen.
Letztes Wochenende etwa lockte das tolle Sommerwetter Svenja und Peter schon früh an den See mitten in der Stadt. In der Tiefgarage des Wohnhauses hatte Peter seit einer Woche zwei riesige Stand-up-Paddle-Boards platziert, die er in einer Aktionswoche des örtlichen Baumarktes günstig erstanden hatte. Beide hatten erst vor einem halben Jahr im Urlaub in Ägypten mit Begeisterung einen kompletten Kurs absolviert und sich sehr gut angestellt.
Natürlich war das jetzt die Gelegenheit, auch auf heimischem Gewässer einmal das neu erworbene Können zu demonstrieren.
“Was hast Du denn überhaupt noch von unserem Kurs behalten?”, Peters Frage kurz vor dem Einsetzen der neu erworbenen Boards machte Svenja stutzig.
“Ich nehme an, genauso viel wie du”, versuchte sie direkt zu kontern, schürte damit aber Kritik und Zurechtweisungen von Seiten des Freundes.
“Nur habe ich in den letzten Wochen überhaupt nicht bemerkt, dass du dich mit dem Thema SUP überhaupt noch beschäftigst. Das YouTube-Video über Aufwärmgymnastik für Stand-up-Paddler habe ich doch allein geschaut, während du mit deiner Freundin am Telefon gequatscht hast.”
Solche kalten Kommentare verunsicherten Svenja. Peter behandelte sie mal wieder wie ein Schulmädchen und stellte ihre Fähigkeiten in Frage, obwohl der SUP-Lehrer in Ägypten beide gleichermaßen gelobt hatte. Und auch Svenja hatte den Eindruck, dass beide auf einem Niveau agierten. Eigentlich doch schön, zumal sie das Stand-up-Paddeln doch so mochten.
Was sollte die herablassende Äußerung von Peter?
Widerworte wagte Svenja wie immer nicht, doch die Freude am Ausflug aufs Wasser war ihr weitgehend genommen.
Peter hatte auch auf dem Board seine Einwände zum Verhalten Svenjas. Mal kritisierte er die Fußstellung seiner Freundin, mal die zu geringe Geschwindigkeit auf dem Wasser: “So kommst Du aus dem Gleichgewicht und fällst gleich rein…”
Wollte er etwa einen Sturz gar provozieren, um sich hinterher als besserer Sportler präsentieren zu können?
Svenja wollte diesen Gedanken gar nicht weiter spinnen. Peter dagegen traf sich am Abend mit Freunden auf ein Bier und schwärmte: “Toller Ausflug mit dem SUP heute - zumindest für mich. Svenja brauchte freilich etwas Hilfe. Gerade noch mal gut gegangen.”
Diese Geschichte wurde im Original auf Deutsch und ohne Hilfe von KI geschrieben.
Die Studie
Tesser, A. (1988). Toward a self-evaluation maintenance model of social behavior. In L. Berkowitz (Ed.), Advances in experimental social psychology, Vol. 21. Social psychological studies of the self: Perspectives and programs (pp. 181–227). Academic Press. https://doi.org/10.1016/S0065-2601(08)60227-0
Die Verbindung zwischen Geschichte und Studie
Tesser & Smith (in: Tesser, 1988) untersuchten experimentell, unter welchen Bedingungen Menschen den Erfolg eines Freundes fördern oder behindern, abhängig davon, wie wichtig das betreffende Leistungsfeld für das eigene Selbstbild ist.
Teilnehmende brachten jeweils einen Freund mit ins Labor. In einer Wörterrate-Aufgabe konnten sie durch einfache oder schwierige Hinweise beeinflussen, wie gut ein Freund oder ein Fremder abschneidet. In einer Bedingung wurde die Aufgabe als wichtig für die eigenen Fähigkeiten (in diesem Falle ging es um Führungsqualitäten) dargestellt (= hohe Relevanz). In der anderen Bedingung wurde die Aufgabe als bedeutungslos für die persönlichen Kompetenzen (Führungsqualitäten) dargestellt (= geringe Relevanz).
Bei geringer Relevanz halfen die Versuchspersonen ihrem Freund in 10 von 13 Sitzungen mehr als einem Fremden. Bei hoher Relevanz halfen sie dem Fremden in 10 von 13 Sitzungen mehr als ihrem Freund. Diese Ergebnismuster entsprechen exakt den Vorhersagen des sogeannten “Self-Evaluation-Maintenance” (SEM) Modells.
In der Kurzgeschichte ist Peter der ausgewiesene Statistik-Experte und weiß seine Fähigkeit und Rolle gewiss zu genießen. Es entwickelt sich eine Liebesbeziehung zu Svenja. Bei aller gegenseitiger Zuneigung bleibt Svenjas Interesse an Statistik minimal. Sie präsentiert sich im Seminarraum der Universität aber stolz und selbstbewusst neben ihrem Peter. Kurz gesagt sonnt sie sich im Glanze des Ruhmes ihres Freundes, was bei der geringen Relevanz des Faches “Statistik” ihrem Selbstwert nutzt. Dieses sogenannte “basking in reflected glory” (BIRG) ist ein oft repliziertes Phänomen der SEM-Theorie.
Ganz andere Auswirkungen freilich ergeben sich für unser Liebespaar bei sportlicher Betätigung, beim Laufen bzw. beim “Stand-up-Paddeln”. Peters frühere Domäne hat nunmehr für beide eine hohe Bedeutung. Da offensichtlich Svenja durch kontinuierliche Anstrengung inzwischen mit Peter auf Augenhöhe agiert, sieht er sich in diesem Feld in seinem Selbstwert bedroht und wertet die Kompetenzen seiner Freundin ab. In speziellen Fällen kann dies bis zur aktiven Behinderung des Partners gehen oder sogar bis zu einer Verringerung der entstandenen zwischenmenschlichen Nähe, um den Einfluss der Vergleichsperson auf das eigene Selbst zu reduzieren. Dies wurde durch Folgestudien gezeigt (z. B. Beach & Tesser, 1995 und Nicholls & Stukas, 2011).
Der Autor
Norbert ist Diplom-Psychologe und mittlerweile freier Autor. Teile der Kurzgeschichte entstammen seinem Psychologiekrimi “Retter - Der Tote an der Alster”. Norbert blickt auf Forschungs- und Lehrtätigkeiten an den Universitäten Kiel und Umeå (Schweden) zurück, sowie auf über 30 Jahre in der beruflichen Eignungsdiagnostik für die Bundesagentur für Arbeit in Hamburg und Nürnberg.