Ein Bild mit dem Titel der Geschichte "Chaos im Kopf" und dem Namen der Autorin "Charlotte Bröder". Das Bild enthält auch das Logo von Science & Fiction und eine Grafik eines Gehirns mit konfusen Linien anstatt eines Gehirns.

Studieren mit ADHS – ein Tag an der Uni mit Miriam.

Inhaltswarnungen

  • ADHS

Die Kurzgeschichte

Miriam ist gestresst. Der Tag hat schon anstrengend angefangen, weil sie mal wieder schlecht geschlafen hat und die Snooze-Taste am Wecker viel zu oft gedrückt hat. Gerade an der Uni angekommen, hetzt sie in den Raum, in dem in diesem Moment ihr Seminar beginnt. Einführung in die allgemeine Literaturwissenschaft. Als sie den Raum betritt, fällt ihr ein, dass sie zur Vorbereitung einen langen Text lesen sollte. Mist, denkt sie, das habe ich mal wieder nicht geschafft. Ich wollte ja, es war ja sogar richtig interessant, aber mehr als zwei Seiten am Stück schaffe ich einfach nicht. Dann verschwimmt alles und in meinem Kopf ist nur noch Chaos! Naja, ich setze mich jetzt rein und höre einfach zu und hoffe, dass es nicht auffällt.

Dabei hätte Miriam den Text gar nicht komplett lesen müssen. Miriam hat ADHS, eine Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung. Fast niemand an der Uni weiß davon, da man ihr die Beeinträchtigung nicht ansehen kann. Sie kann sich schlecht auf eine Sache konzentrieren, ist schnell abgelenkt und wird schnell unruhig, wenn sie lange stillsitzen oder lange warten muss. Deswegen bekommt sie mehr Zeit als andere, um Aufgaben für die Uni zu erledigen. Außerdem darf sie Klausuren in einem separaten Raum schreiben und zwischendurch Pausen einlegen, um sich zu bewegen. Diesen sogenannten Nachteilsausgleich hat Miriam beim Prüfungsamt beantragt. Obwohl es ihr nicht leichtgefallen ist, sich dort zu outen, ein ärztliches Gutachten vorzulegen, Formulare auszufüllen. Außerdem hatte sie in der Beratungsstelle für Studierende mit Beeinträchtigung an ihrer Uni gehört, dass es schwierig werden könnte, solch einen Ausgleich bei ADHS zu bekommen. Häufig werde so ein Antrag abgelehnt, war dort die Erfahrung. Sie solle es trotzdem versuchen, wurde ihr geraten, da es immer Einzelfallentscheidungen seien. Also hat sie den Nachteilsausgleich beantragt – und: Sie hat ihn tatsächlich bekommen. Nur ihre Dozentin hat ihn nie erhalten. Miriam hat es einfach immer wieder vergessen, ihn ihr zu geben. Weil da so viele andere Dinge in ihrem Kopf umherschwirren, die sie nicht immer gut sortieren kann. Dann ist es ihr mal wieder eingefallen, aber irgendwann war es ihr so peinlich, damit noch Mitten im laufenden Semester anzukommen, dass sie es einfach gelassen hat.

Wer weiß, wofür es gut ist, denkt Miriam. Wenn ich da an Professor Meiers Reaktion letztes Semester denke… Dem hatte sie den Nachteilsausgleich rechtzeitig vor der anstehenden Klausur geschickt. Erst hat er gar nicht geantwortet und als sie sich ein Herz gefasst und ihn darauf nach der Vorlesung angesprochen hatte, hat er ihr nur barsch „die Prüfungsbedingungen sind für alle gleich“ entgegnet. Auf noch so eine unangenehme Erfahrung kann ich gut verzichten, denkt Miriam, während das Seminar schon wieder vorbei ist. Dass sie den Text nicht komplett gelesen hatte, ist diesmal Gott sei Dank nicht aufgefallen. Bei der Diskussion darüber hat Miriam einfach die anderen reden lassen.

Pause. Aber wieder kaum Zeit, sich etwas zu entspannen. So viele Kommiliton:innen, die gleichzeitig reden, so viel Hektik auf den Fluren, es ist laut, überall Reize, bei denen man so schnell hängen bleibt. Am liebsten zieht sich Miriam deshalb zurück, geht nicht mit in die Mensa, diese lärmende Halle, sondern sucht sich eine ruhige Ecke. Heute auch. Ein bisschen Ruhe und Kraft tanken, bis es weiter geht.

Nächste Veranstaltung, ein Seminar zum Thema Poetik. Miriam entspannt sich ein wenig. In dieses Seminar geht sie am liebsten. Gleich zu Beginn des Semesters hat der Dozent Herr Schröder eine E-Mail an alle im Kurs geschrieben: „Wenn Sie einen Nachteilsausgleich haben oder besondere Bedürfnisse, die ich in meinem Seminar berücksichtigen kann, melden Sie sich gerne bei mir.“ Das hatte Miriam nicht erwartet, das hatte noch nie jemand gefragt und angeboten. In dem Moment hat sie sich so gesehen und ernst genommen gefühlt, dass sie ohne zu zögern direkt geantwortet hat. Ohne Angst, dass ihr nicht geglaubt wird oder dass sie einen Nachteil dadurch hat. Es hat Druck rausgenommen, da von Anfang an klar war, dass sie für die Hausarbeit, die sie bald schreiben muss, mehr Zeit bekommt.

Das Seminar ist inzwischen in vollem Gange. Gerade diskutieren einige Kommiliton:innen über ein Gedicht. Miriam merkt, wie sie unruhig wird und nicht mehr folgen kann. In solchen Momenten zweifelt sie oft an sich selbst. Die anderen schaffen das doch alles viel besser, denkt sie dann, wenn sie wieder im Seminar nicht folgen kann oder eine Aufgabe nicht rechtzeitig erledigt hat. In Wirklichkeit sind Miriams Noten überdurchschnittlich, doch ihr fällt es manchmal schwer, das zu sehen.

Die Diskussion im Seminar rauscht an Miriam vorbei. Ihre Nervosität steigt und sie beginnt, mit den Fingern auf den Tisch zu trommeln. Herr Schröder lächelt kurz, sagt: „Sie dürfen sich gern etwas bewegen, wenn es Ihnen hilft, konzentriert zu bleiben. Oder wir machen mal kurz eine kleine Pause, drei Minuten?“ Miriam ist erleichtert. Das kommt jetzt genau richtig, denkt sie. Und auch den anderen scheint die Pause gut zu tun. Alle sind danach viel konzentrierter bei der Sache. Eine kurze Pause – eigentlich eine Kleinigkeit, für Miriam aber eine große Hilfe.

Miriam hat Schluss. Mehr als zwei Veranstaltungen am Tag sind für sie kaum zu bewältigen. Außerdem fühlt sie sich manchmal irgendwie fremd an der Uni, ohne dass sie genau sagen kann, wieso. Auch in der Mensa, zwischen lauten Gesprächen und Hektik, fühlt sie sich oft fehl am Platz. Trotz allem – sie studiert gern, sie kann sich für ihr Fach begeistern. Und immer mal wieder gibt es Momente wie heute, als Herr Schröder im Poetik-Seminar ihr Bedürfnis nach einer Pause ernst nahm. Solche kleinen Gesten geben ihr Hoffnung und zeigen ihr, dass sie an der Uni willkommen ist und dazugehört. Sie hat sich inzwischen auch getraut, ihrer Kommilitonin Ayla von ihrer ADHS zu erzählen. Ayla war erst überrascht und dann total offen und verständnisvoll. Manchmal verbringen sie die Pause jetzt gemeinsam – in einem kleinen, ruhigen Café etwas abseits der Mensa.

Miriam ist sich sicher, dass sie das Studium schaffen kann, auch wenn es manchmal nicht einfach ist. Sie braucht eben einfach etwas mehr Zeit und Lehrende, die Verständnis für ihre Situation haben.

Diese Geschichte wurde im Original auf Deutsch und ohne Hilfe von KI geschrieben.

Die Studie

Bröder, C., Schwabe, U., Burkhard, J., Gröschl, B., & Hoche, R. (2025). Chancen schaffen, Vielfalt fördern: Studierende mit Beeinträchtigung im Blick. Impulse für eine inklusive Hochschullehre. DZHW. https://doi.org/10.21249/dzhw:inklusivelehre:1.0.0

Verwendete Daten: Die Studierendenbefragung in Deutschland 2021. Verfügbar über das FDZ DZHW: https://doi.org/10.21249/DZHW:sid2021:1.0.1.

Die Verbindung zwischen Geschichte und Studie

Wie Miriam geht es vielen Studierenden. Fast ein Viertel hat eine gesundheitliche Beeinträchtigung, für viele wird dadurch das Studium erschwert. Doch die meisten dieser Beeinträchtigungen – vor allem psychische – sind nicht sichtbar und bleiben daher häufig von Dozierenden und Kommiliton:innen unbemerkt.

In der Untersuchung, die ich gemeinsam mit Ulrike Schwabe (DZHW), Jannis Burkhard (DIPF) und Benjamin Gröschl (LMU München) durchgeführt habe, haben wir daher Studierende mit einer gesundheitlichen Beeinträchtigung an deutschen Hochschulen in den Blick genommen. Die Ergebnisse, die auf Daten der deutschlandweiten Befragung „Die Studierendenbefragung in Deutschland 2021“ basieren, zeigen, dass gesundheitliche Beeinträchtigungen unter Studierenden gar nicht so selten sind. 25 % aller Studierenden sind in irgendeiner Form beeinträchtigt, 16 % geben an, dass ihre Beeinträchtigung ihr Studium erschwert. Die Anteile schwanken zwischen den Fächergruppen, durchschnittlich haben aber 11–24 % in allen Fächern eine studienerschwerende Beeinträchtigung. Dabei ist in den meisten Fällen die Beeinträchtigung für andere nicht oder erst spät wahrnehmbar. Am häufigsten kommen psychische Beeinträchtigungen vor, aber auch mobilitäts-, sinnes- oder chronische Beeinträchtigungen sowie Mehrfachbeeinträchtigungen.

Obwohl es keine nennenswerten Leistungsunterschiede zwischen Studierenden mit und ohne Beeinträchtigung gibt, schätzen beeinträchtigt Studierende ihre Fähigkeiten geringer ein. Sie fühlen sich außerdem weniger gut durch Lehrende unterstützt und häufiger fremd an der Hochschule. Fast alle berichten von Schwierigkeiten – mit der Studienorganisation, in der Lehre und bei Prüfungen. Die meisten geben Probleme mit dem Leistungspensum an. Nachteilsausgleichende Maßnahmen werden von vielen als hilfreich empfunden, vor allem bei Problemen im Zusammenhang mit Prüfungen. Allerdings werden diese nur selten beantragt, oft aus Unsicherheit, ob ein Anspruch überhaupt besteht, oder Unwissenheit, dass es diese Möglichkeit überhaupt gibt.

Die fiktive Geschichte von Miriam führt uns nicht nur vor Augen, welche Schwierigkeiten Menschen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen im Studium erfahren können. Sie zeigt auch, welchen Unterschied Lehrende machen können, wenn sie durch ihre Haltung und offene Kommunikation zeigen, dass für sie inklusive Lehre nicht nur ein Schlagwort ist, sondern dass sie Inklusion an der Hochschule leben.

Die Autorin

Charlotte Bröder ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Empirische Bildungsforschung an der Freien Universität Berlin. Die Studie wurde gemeinsam mit Ulrike Schwabe (DZHW), Jannis Burkhard (DIPF) und Benjamin Gröschl (LMU München) durchgeführt und ist im Rahmen des Projektes „EQUAL-NET“ (Inequality across the Life Span – An Interdisciplinary Network of Research-Practice-Partnerships) entstanden, das durch das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert wurde (Fördernummer 01JG2305).

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