Ihr Blick sollte eigentlich dem Ball gehören, bleibt aber bei der Frau hängen, die sie nie ganz vergessen hat.
Inhaltswarnungen
Keine
Die Kurzgeschichte
Ich bin eine Wand, sage ich mir, eine Wand und ein Goldfisch. Ich stehe im Torkreis und warte, dass sich das Spiel vor mir wieder zusammensetzt. Eine Wand, weil nichts an mir vorbeikommen darf. Und ein Goldfisch, weil ich vergessen muss, was eine Sekunde zuvor passiert ist, um im nächsten Moment wieder voll fokussiert zu sein.
Das Gewitter hat uns eine Pause von einer Stunde geschenkt. Genug Zeit, um zu vergessen, während sich der Regen über das Feld gelegt hat. Jetzt ist der Himmel wieder hell genug, das Gras dunkel und schwer vom Wasser, und ich stehe in meinem Kreis und versuche, wieder zur Wand zu werden.
Dann sehe ich sie von der anderen Seite des Feldes auf mich zulaufen. Der Goldfisch in mir, der gerade erst angefangen hatte, brav zu vergessen, erinnert sich an alles. Mia. Drei Jahre haben wir im selben Trikot gespielt. Ich kenne ihre Bewegungen besser als meine eigenen, besser als die all meiner Teamkameradinnen. Im Training habe ich tausend Bälle aus ihrem Stick kommen sehen, habe gelernt, wie ihr rechtes Knie leicht einknickt, bevor sie auf die kurze Ecke zielt. Das war, bevor sie umgezogen ist, bevor sie Trikot und Team gewechselt und mich zurückgelassen hat.
Jetzt steht sie da, im gegnerischen Gelb, mit demselben Stick, demselben Knie, das gleich wegknicken wird. Ich stehe im Tor mit all dem Wissen über ihren Körper, das ein Vorteil sein sollte. Es sollte mir Sicherheit geben, mich als Wand stärker machen, aber es verwandelt sich in etwas anderes. Zwischen dem Wissen, wie sie schießt, und der Erinnerung, wie sich ihre Berührungen auf meiner Haut angefühlt haben, verläuft keine klare Grenze.
Ich weiß, wo mein Blick hingehört. Auf den Punkt, an dem sich ihre rechte Hand um ihren Stick legt. An dem sie gleich das Handgelenk drehen wird, um den Ball an mir vorbei ins Tor zu legen. In Sekundenbruchteilen entscheidet sich dort, wie das Spiel weitergeht. Auf diesen Punkt muss ich mich konzentrieren. Mein Trainer hat dafür einen Begriff – quiet eye, dieses Stillwerden des Blicks kurz vor der Bewegung, ganz ohne Ablenkung.
Aber mein Blick hält sich nicht an das, was er soll. Er wandert zu der Strähne, die sich aus Mias Zopf gelöst hat. Er bleibt an ihrem Gesichtsausdruck hängen, eine Mischung aus Siegeswille und Konzentration, die ein Gefühl in mir auslöst, das ich kaum in Worte fassen kann. Ich merke, wie ich zwei Dinge gleichzeitig sein will – die Wand, auf die mein Team zählen kann, und die Frau, in der Mia etwas erkennt, das mit Lacrosse nichts zu tun hat.
Sie verlagert kaum merklich ihr Gewicht, aber ich kenne dieses Verschieben aus unzähligen Trainings. Damals, als wir auf derselben Seite standen, konnten wir lachen, wenn sie traf. Jetzt ist mir nicht zum Lachen zumute. Mias Hand hebt sich, sie nimmt den Stick zurück, das Handgelenk klappt um. Für einen Atemzug sehe ich nicht die Gegnerin, sondern nur die Mia, die ich kannte, bevor aus uns das hier wurde.
Wand, denke ich, wie eine Ermahnung an mich selbst, und zwinge meinen Blick zurück auf den kleinen gelben Ball, der endlich ihren Stick verlässt. Der Schuss kommt unten links, genau dort, wo ihr Knie es schon angedeutet hatte. Die Ecke, die für mich am schwierigsten zu halten ist. Doch mein Körper reagiert und setzt die Information, die mein Blick ihm noch rechtzeitig liefern konnte, in eine Bewegung um. Das Netz meines Sticks schließt sich um den Ball, bevor er die Torlinie erreicht.
Ich hebe den Ball auf, den ich schnell zu einer Mitspielerin passen sollte. Wie festgefroren stehe ich im Torkreis. Auch Mia läuft nicht sofort zurück. Sie schüttelt kurz den Kopf, als könnte sie selbst nicht glauben, dass ich gehalten habe. Dann lächelt sie vorsichtig, so, dass ihr Team es nicht sieht. Dieses Lächeln, das ich mindestens genauso gut kenne wie ihr Handgelenk und ihr Knie.
Unsere Blicke treffen sich. Für einen Moment schauen wir uns so tief in die Augen wie früher. Ich bin kurz davor, mich in ihren braunen Augen zu verlieren, und wünsche mir, dieser Moment würde ewig dauern. Aber ich muss wieder zur Wand werden, zum Goldfisch, um dieses Spiel gewinnen zu können. Und doch bleibt mein Blick noch einen Herzschlag länger bei ihr, als es sich eine Wand erlauben darf.
Diese Geschichte wurde auf Deutsch und ohne Hilfe von KI geschrieben.
Die Studie
Franks, B., Roberts, W. M., Jakeman, J., Swain, J., & Davids, K. (2022). A descriptive case study of skilled football goalkeepers during 1 v 1 dyads: a case for adaptive variability in the quiet eye. Frontiers in Psychology, 13, 908123. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2022.908123
Die Verbindung zwischen Geschichte und Studie
Wenn Sportler:innen kurz vor einer entscheidenden Bewegung den Blick ruhig auf einen bestimmten Punkt richten, nennt man das “Quiet Eye”. Die Studie wollte herausfinden, wie das bei Fußball-Torhütern in echten 1-gegen-1-Duellen funktioniert. Vier Profi-Torhüter trugen eine Eyetracking-Brille, während echte Schützen auf sie zuliefen und schossen, und die Forschenden analysierten, wohin und wie lange die Torhüter kurz vor dem Schuss blickten. Bei gehaltenen Schüssen begann das “quiet eye” später und dauerte länger als bei Gegentoren, wobei sich die Torhüter individuell stark unterschieden. Die Autor:innen schließen daraus, dass es nicht die eine “perfekte” Blickstrategie gibt, sondern dass erfolgreiche Torhüter:innen flexibel und individuell auf die Situation reagieren.
Die Geschichte nutzt das “Quiet Eye” als Bild für den Moment, in dem der Blick eigentlich fokussiert sein müsste, aber bei der Torhüterin nicht zum Ball, sondern zu ihrer früheren Mitspielerin wandert, mit der sie eine romantische Vergangenheit verbindet.
Die Autorin
Lena hat Linguistik studiert und mit einer Arbeit zum Einfluss von Interesse auf frühkindliche Wortlernprozesse an der Universität Göttingen promoviert. Seit 2020 arbeitet sie in der Wissenschaftskommunikation und im Wissenschaftsmanagement mit Stationen in Nimwegen, Göttingen und Hannover. In ihrer Freizeit steht sie (wie die Protagonistin ihrer Geschichte) im Lacrosse-Tor und probiert gerne neue Kochrezepte und komplexe Brettspiele aus.