Ein Bild mit dem Titel der Geschichte "Genesis 2.0 - der Ursuppenslam" und dem Namen der Autorin "Zsófia Meggyesi". Das Bild enthält auch das Logo von Science & Fiction und eine Grafik eines RNS-Moleküls.

Die gesamte Evolutionsgeschichte erzählt aus der Perspektive eines einzelnen RNA-Moleküls.

Inhaltswarnungen

Keine

Die Kurzgeschichte

Stille.

Dann Der erste Tag, zu Beginn schon angesetzt der Urknall

Bilder, Töne, klirrend kalt und schillernd tödlich, leer wie nur vollkommene Leere sein kann.

Und dann Staub.

Die ersten Partikel, winzigste Bewusstseinskrümel noch kaum als Leben zu bezeichnen. Kaum die ersten Worte aus noch von Sternen staubigen Lippen hervorgebracht.

Und doch — Schon kenne ich meinen Text. Ich sah nach links, ich sah nach rechts, um mich herum, im urdichten Suppentum schwimmende Sinnfetzen.

Organisch urtümliches Urmaterial zufällig zusammengewürfelt zu vollständig sinnlosen — RNA — ups oder sollte ich lieber sagen Amino-Säuren Kloßen?

Und dann die Gewässer. Erhitzt durch die noch schwitzende Erdkruste, angesetzt in Gesteinsrissen, Höhlen, Mulden — noch duldet man uns hier.

So treiben wir im Trübsal Plündern den Tümpel, dümpeln traurig wartend vor uns hin.

Und so ein neuer Tag beginnt.

Schon sehr früh erkannt ich: Ich war anders als die anderen. Denn aus nur vier Grundbausteinen, den Desoxy — du weißt schon — den Nukleinsäuren etwas Sinnvolles zu bauen bedarf es, nun, ein wenig mehr als pure Willkür und gutes Glück.

Denn wären es selbst nur zwölf von diesen eigentümlich fünfeckigen, chemisch wenig anmutenden, vierfarbigen Legoklötzen, zwölf davon aneinandergereiht zur kürzesten funktionellen Einheit. So könnten es, lass uns kurz rechnen, wie viele verschiedene Möglichkeiten sein?

Es wären vier mal vier mal vier mal vier mal vier mal vier mal vier mal vier mal vier —wer zählt noch mit? mal vier mal vier mal vier

Vier hoch zwölf, Sechzehnmillionen Siebenhundertsiebenundsiebzigtausend Zweihundertsechzehn — die Zahl ist exakt — Kombinationen.

Aus all diesen die grad mal Handvoll rauszusuchen, die auch zu mehr taugen, bedarf es nun etwas mehr als pure Willkür und gutes Glück.

Denn ich bin einzigartig. Ich kenne meinen Text.

Und dann das Wissen.

Ich sah, es war Zeit nach innen zu reflektieren und mich selbst zu befragen, mein eigenes Schaffen — Körper und Werk zugleich — zu buchstabieren, so begann ich.

A für Adenin: Ausdauer, Anmut, außerordentliches Durchhaltevermögen.

C für Cytosin: Zähe, Zorn, und Zielstrebigkeit sollen mich begleiten.

T - für Thymin: Passend zu Fisch, Fleisch und Schmorgerichten Spaß, lieber um die schwächeren schneller zu vernichten.

ACT - aha! Das erste Wort. Ich schlag kurz nach, der genetische Code übersetzt — in die erste Aminosäure.

Und schon kenne ich meinen Text.

Und so schritt ich fort, entziffernd, suchend fragend, frierend und bratend im stetigen Wechsel zwischen Vulkanischer Hitze und der Kälte des Weltalls.

Bald fand ich neue Glieder und ich kettete sie geduldig aneinander, ich baute mir ein Gehäuse, Schutz vor der Umwelt, Schutz vor den anderen.

Ich amüsierte mich prächtig.

Doch schon bald kamen mir Sorgen Was würde bloß werden, mit diesem Werk göttlicher Herrlichkeit nach meinem Vergehen?

So schuf ich meine ersten Kinder. Und übergab ihnen meinen Text.

Lange Zeiten des Krieges kamen auf uns zu, meine Freunde. Die Welt fiel aus ihrem Gleichgewicht. Krieg soll geführt werden gegen die anderen. Wer gewinnt überlebt. Platzierung gibt’s nur für einen.

Ich erschuf immer neue Kreationen, immer besser, immer stärker. Ich lernte die Elemente der Umwelt in Energie umzuwandeln. Meinem Gehäuse baute ich Flossen. Ich setze mich in Bewegung.

Doch es reichte mir nicht. Ich wollte vernichten und schaffen, alles tun und lassen. Nach meinem Ermessen auf der gesamten Welt.

Es wäre nun Zeit an Land zu kriechen, Wiesen, Wald und Wind zu riechen.

Ich erschuf dann noch viele kleine Tierchen. (Zugegeben nicht jedes Wesen war so ein voller Erfolg gewesen.) Doch hach was solls, den Mut zum Schaffen darf man sich halt nicht nehmen lassen.

Und frägt nicht zu was Nacktmulle gut sind. Gott erlaubt sich halt nun auch mal Unsinn.

Doch eins verband sie alle miteinander. Sie folgten dem Text der in ihrem Innerem, in jedem Zellkern, jedem Knochen, Zwang meinem Worte zu gehorchen

Ein herrliches Spiel war das. Doch nach und nach begann ich mich zu langweilen.

Ich wünschte mir meinen Text zu vergessen, mich neu zu vermessen, besessen vom weltfremden Idealismus. Meine Wegbegleiter abzustreifen, mich mit ihnen nicht mehr abzugleichen.

Der Drang ein höheres Wesen zu sein.

So schuf ich schließlich den Menschen. Und gab ihm keinen Text.

Diese Geschichte wurde auf Deutsch ohne Hilfe von KI geschrieben. Sie wurde von der Autorin mithilfe von KI ins Englische übersetzt.

Die Studie

Kudella, P. W., Tkachenko, A. V., Salditt, A., Maslov, S., & Braun, D. (2021). Structured sequences emerge from random pool when replicated by templated ligation. Proceedings of the National Academy of Sciences, 118(8), e2018830118. https://doi.org/10.1073/pnas.2018830118

Die Verbindung zwischen Geschichte und Studie

Die Publikation untersucht einen Aspekt der RNA-Welt-Hypothese. Diese beruht auf der Annahme, dass RNA die erste „lebendige Einheit“ auf der Erde gewesen sein muss. Unterstützt wird die Hypothese durch die Tatsache, dass RNA ein chemisch einfaches Biomolekül ist, welches jedoch gleichzeitig genetische Information speichern und katalytische Aktivität ausführen kann. Dieses ist essenziell, um das weitervererben von Information und somit Evolution möglich zu machen.

Die Publikation untersucht genau diesen Schritt, anhand eines DNA Modellsystems. Um die Reaktionen zu beschleunigen, werden hierbei moderne Enzyme zu Hilfe gezogen. Es kann gezeigt werden, dass aus einem riesigem gemischten Pool an DNA Molekülen nach mehreren Replikationschritten durch natürliche Selektion bestimmte Motive hervorgehoben, während andere unterdrückt werden. Dies ist ein Indikator dafür, dass unser genetisches Material, wie wir es heute kennen, sich nicht willkürlich entwickelt hat, sondern ein Resultat gerichteter Auswahlprozesse ist.

Im Poetry Slam wird die komplette Evolutionsgeschichte aus der Perspektive eines einzelnen RNA-Moleküls dargestellt. Das RNA Molekül betont hierbei immer wieder, seine „Einzigartigkeit“, was sich hier genau auf den Aspekt der Selektion über Zufälligkeit bezieht, welches auch in der Publikation diskutiert wird. Inspiriert ist der Text unter anderem von Richard Dawkins‘ Buch „The Selfish Gene“.

Die Autorin

Zsófia Meggyesi studierte Physik in München, wo sie nun auch als Doktorandin ihre Forschung betreibt. In der Gruppe für System-Biophysik an der LMU, beschäftigt sie sich mit molekularer Evolution, oder auch einfach gesagt, wie das Leben denn auf unsere Erde gekommen ist.

Neben ihrer Wissenschaftlichen Karriere probiert sie sich gerne im kreativem Schreiben aus, und hat 2023 an der Erscheinung der Anthologie „Fantastische LMU“ mitgewirkt - eine Sammlung Fantastischer Kurzgeschichten, die in oder um die LMU-München spielen.

Science and Fiction
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