Ein Bild mit dem Titel der Geschichte "Ein anderes Morgen" und dem Namen des Autoren "Benjamin Buttlar". Das Bild enthält auch das Logo von Science & Fiction und eine Grafik einer Ärztin.

Seitdem ich meinen neuen Mitbewohner verstehe, hat sich die Welt verändert.

Inhaltswarnungen

Keine

Die Kurzgeschichte

Ich wache auf und starre an die Decke. Schon wieder so ein Morgen, an dem ich schlecht aus dem Bett komme. Im Bad halte ich mein Gesicht unter den Wasserhahn. Das Wasser ist kühl und erfrischend. Ich schaue in den Spiegel und überlege, was heute alles ansteht: Erst frühstücken und dann vor der Arbeit mit Bruno zum Arzt, denn er hat Angst vor dem Termin. Abends gehts noch zum Sport. Als ich in die Küche komme, ist Bruno schon wach. „Wie hast du geschlafen?“ fragt er. Ich murre nur eine kurze Antwort und steuere die Kaffeemaschine an. Wie immer ist unser Morgen still. Nach dem Aufstehen rede ich einfach nicht gerne.

Bruno ist schon am Tisch. Seitdem wir einen niedrigen Esstisch angeschafft haben, sieht das Wohnzimmer anders aus. Generell haben wir viel an der Einrichtung verändert, nachdem Bruno eingezogen ist. So kommen wir beide überall dran. Anfangs fand ich das unbequem, aber ich habe mich daran gewöhnt. Ich fange an, aufzudecken: Zwei Schüsseln mit Müsli, eine Packung Hafermilch, frische Beeren, einen Löffel. Dazu gibt es endlich Kaffee. Wir essen. Auch an Brunos Schmatzen habe ich mich gewöhnt. Die größte Umstellung war wohl für mich, dass wir morgens Müsli essen. Früher gab es bei mir immer Brot, aber ohne Käse und Wurst schmeckt mir das nicht mehr so gut.

Bruno ist mit dem Essen vor mir fertig. Ich lasse mir Zeit. Bruno ruft: „Wann kommst du endlich? Wir kommen zu spät.“ Ich stehe auf und wir gehen. Auf dem Weg zur U-Bahn fängt es an zu regnen. Ich spanne meinen Schirm auf. Bruno macht der Regen nichts aus; er genießt es richtig, sich so verbunden mit der Natur zu fühlen. Früher konnte er ja kaum nach draußen. In der U- Bahnstation klappe ich den Regenschirm wieder zu und wir warten. Als die U-Bahn kommt, ist sie wie immer voll. Im Gedränge kriege einen Stoß in die Kniegegend und höre ein kurzes „Entschuldigung“. Ich kann allerdings nicht erkennen, wer mich angerempelt hat. War es der Hund da unten?

Nach fünf Stationen sind wir der U-Bahn entkommen. Von hier aus sind es nur ein paar Meter zur Praxis. Bruno scheut sich, hineinzugehen. Er hasst Arzttermine. Die erinnern ihn an früher, als der Arzt, der ihn und seine Geschwister besuchte, gar nicht auf sie eingegangen ist. Zum Glück sieht die Praxis hier einladend aus. Sie ist hell und die Pflanzen lockern den Raum auf. Auch die freundliche Sprechstundenhilfe grüßt uns direkt beim Namen, sodass Bruno sich herein traut. Im Wartezimmer ist es voll und im Stimmengewirr höre ich verschiedene Sprachen, die ich nicht verstehe. Nach einiger Zeit dürfen wir endlich ins Behandlungszimmer. Die Ärztin betritt den Raum, grüßt freundlich und wendet sich direkt an Bruno, um ihn zu fragen, weswegen er gekommen sei. Bruno sagt, „Mein hinteres linkes Bein tut weh. Ich bin an einer Treppe umgeknickt.“ Nachdem sie Bruno abgetastet hat, diagnostiziert die Ärztin eine Bänderdehnung; mit ein bisschen Schonung ginge das von ganz allein weg.

Dann schaut sie mich an und fragt, ob ich mich noch daran erinnere, wie es früher war, als die Behandlungen beim Tierarzt viel schwieriger gewesen seien. Das konnte ich natürlich. Es ist kaum begreifbar, dass wir Menschen damals nicht erkannt haben, welche Empfindungen Tiere haben und welche Fähigkeiten sie besitzen. Zum Glück war es irgendwann möglich, Tiersprachen mit moderner Technik zu entschlüsseln. Bevor ich allerdings antworten kann, sagt Bruno bereits: „Ich auf jeden Fall. Ich hatte das Gefühl, dass meine Bedürfnisse nie berücksichtigt wurden. Ich bin wirklich froh, dass meine Stimme nun endlich gehört wird.“ Dazu kann ich eigentlich nicht viel ergänzen. Also nicke ich nur zustimmend und wir machen uns auf den Weg: Bruno zu seiner und ich zu meiner Arbeit.

Diese Geschichte wurde auf Deutsch geschrieben und dann von dem Autor ins Englische übersetzt. Sie wurde ohne Hilfe von KI geschrieben..

Die Studie

Bastian, B., Loughnan, S., Haslam, N., & Radke, H. R. M. (2012). Don’t mind meat? The denial of mind to animals used for human consumption. Personality and Social Psychology Bulletin, 38(2), 247–256. https://doi.org/10.1177/0146167211424291

Weitere Literatur

Bastian, B., & Loughnan, S. (2017). Resolving the meat-paradox: A motivational account of morally troublesome behavior and its maintenance. Personality and Social Psychology Review, 21(3), 278–299. https://doi.org/10.1177/1088868316647562

Festinger, L. (1957). A Theory of Cognitive Dissonance. Stanford University Press.

Jacobs, T. P., Wang, M., Leach, S., Siu, H. L., Khanna, M., Chan, K. W., Chau, H. T., Tam, K. Y. Y., & Feldman, G. (2024). Revisiting the motivated denial of mind to animals used for food: Replication registered report of bastian et al. (2012). International Review of Social Psychology, 37(1). https://doi.org/10.5334/irsp.932

Loughnan, S., Haslam, N., & Bastian, B. (2010). The role of meat consumption in the denial of moral status and mind to meat animals. Appetite, 55(1), 156–159. https://doi.org/10.1016/j.appet.2010.05.043

Die Verbindung zwischen Geschichte und Studie

Menschen ist an Tierwohl gelegen, aber gleichzeitig essen viele von ihnen Fleisch. Dieser Widerspruch wird in der Psychologie als das „Fleischparadox“ bezeichnet (Loughnan et al., 2010). Wenn Menschen das Fleischparadox bewusst wird kann dies einen gedanklichen Konflikt auslösen, der kognitive Dissonanz genannt wird (Festinger, 1957). Dissonanz ist für viele Menschen unangenehm und daher versuchen sie den Konflikt aufzulösen. Dazu können sie entweder auf Fleisch verzichten oder andere Bewältigungsstrategien nutzen, die es ihnen erlaubt den Konflikt anderweitig zu bewältigen (Bastian & Loughnan, 2017). Verhaltensänderungen sind allerdings schwierig und so wird häufig auf letzteres zurückgegriffen. Eine Bewältigungsstrategie ist es, dass sogenannten Nutztieren, die Fähigkeit zu leiden abgesprochen wird. Beispielsweise befragten Bastian und Kollegen Versuchspersonen (2012), welche Fähigkeiten sie verschiedenen Tieren zuschreiben würden, die entweder als essbar oder nicht-essbar galten. Ihre Studien zeigen, dass sie sowohl bekannten als auch „erfundenen“ Spezies weniger mentale Fähigkeiten zuschreiben, wenn sie diese als essbar betrachten. Menschen, die die Fähigkeiten von Tieren geringer einschätzten, berichteten dabei auch weniger von moralischen Bedenken und negativen Gefühlen bezüglich des Essens der Tiere. Diese Studien wurden kürzlich repliziert (das heißt, andere Forschende haben dieselben Ergebnisse in einer unabhängigen Studie gefunden) und können daher als robust eingeschätzt werden (Jacobs et al., 2024).

In der Kurzgeschichte wird deutlich, dass diese Form der Bewältigung von Dissonanz kaum möglich wäre, wenn Menschen Tiere wirklich verstehen könnten. Dadurch wäre klar, wie sehr sie leiden, etwa in der Massentierhaltung oder im Zirkus. Trotz erster Projekte zur Entschlüsselung der Sprache von Tieren (wie zum Beispiel dem Earth Species Project), scheint es ein weiter Weg dahin zu sein, dass Menschen mit Tieren direkt über Sprache kommunizieren. Dennoch lohnt es sich, sich mehr in Tiere hineinzuversetzen. So kommen die meisten Menschen aktuell kaum in Kontakt mit sogenannten Nutztieren, da Tiere sehr weit entfernt von Menschen aufgezogen und geschlachtet werden. Aufgrund dieser situativen Umstände ist es wenig erstaunlich, dass wir Menschen Nutztieren mentale Fähigkeiten absprechen können, während wir unsere Haustiere fast wie Familienmitglieder behandeln. Schau dir zum Beispiel mal diese Geschichte über Veronika an, eine Kuh, die Werkzeuge benutzt!

Der Autor

Benjamin Buttlar ist Sozialpsychologe und untersucht, wie Menschen Entscheidungen treffen, wenn sie hin- und hergerissen sind und warum sie manchmal trotz besseren Wissens Dinge tun, die nicht gesund, nachhaltig oder moralisch sind.

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