Ein Bild mit dem Titel der Geschichte "Die blaue Pille" und dem Namen der Autorin "Biljana Gjoneska". Das Bild enthält auch das Logo von Science & Fiction und eine Grafik einer blauen und roten Pille.

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Die Kurzgeschichte

Hundert Jahre waren vergangen, seit Neo die Wahl hatte: die rote Pille nehmen und sich der harten Realität stellen oder die blaue Pille nehmen und in seliger Unwissenheit verharren.

Hundert Jahre waren vergangen, seitdem Neo die rote Pille genommen hatte.

Alles begann mit der roten Pille.

Von da an ging alles sehr schnell. In den ersten fünfzig Jahren gewannen die Menschen endlich den Krieg gegen die empfindungsfähigen Maschinen, befreiten die Stadt Zion und besiedelten die Schwesterstadt Io. Die Zivilisation machte große Fortschritte. Es dauerte weitere fünfzig Jahre, bis es der Menschheit gelang, die künstliche Intelligenz zu zähmen. Zunächst zerstörten die Menschen die Maschinen, nur um dann ihre vereinfachten Nachbildungen als gehorsam Dienende wieder aufzubauen. Dieses eine Jahrhundert erwies sich letztendlich als das Eine Jahrhundert. Der Auserwählte durchbrach endlich den Kreislauf der Ereignisse und stellte die Linearität der Zeit wieder her. Die wiederkehrenden Matrix-Revolutionen1 mündeten in eine erneute menschliche Evolution. Zumindest dachte Neo das zunächst.

Aber alles begann mit der roten Pille.

Hundert Jahre nach der roten Pille nahm Neo alle möglichen Arten von Tabletten ein. Das lag zum Teil daran, dass ihm bewusst wurde, dass er nicht jünger wurde. Normalerweise begann er den Morgen mit einer Tablette, um die neuesten Berichte zu seinem Blutdruck, seiner Körpertemperatur, dem pH-Wert seiner Körperflüssigkeiten und dem Zustand seiner Körperfunktionen zu erhalten. Der verschluckbare Sensor2 konnte auch eine grundlegende Einschätzung seines emotionalen Zustands liefern, indem er einfach sein Darmmikrobiom untersuchte. Eine Pille am Nachmittag war für einen medizinischen Mikroroboter seiner Wahl reserviert. Spiralroboter entfernten seine „Blutflecken“, wie er die winzigen Gerinnsel nannte, die sich allmählich in den Hohlräumen seiner Blutgefäße bildeten. Häufiger jedoch waren die „Drogendealer” seine Droge der Wahl. Das war ein weiterer Spitzname für Mikroroboter mit gezielter, zellulärer Wirkstoffabgabe. Der Abend war fast immer für Neuro-Bots reserviert, die seine Hypophyse perfektionierten und seine Neurotransmitter auf die genau richtige Menge einstellten, um ihm zu helfen, den nächsten Tag zu überstehen.

Diese Tage waren für Neo unerträglich, und das lag nicht an seinem fortgeschrittenen Alter. Dank der sogenannten Silikonchirurgie, einer modernen Form der plastischen Chirurgie, sah Neo auffallend gut erhalten und immer noch attraktiv aus. In seinen besten Tagen war er in der Lage gewesen, viele Blicke auf sich zu ziehen und einige Herzen zu erobern. Auch ein Jahrhundert nach seiner Blütezeit hatte er diese Stärke nicht ganz verloren. Ganz im Gegenteil sogar. Seine körperliche und geistige Ausdauer, sein gutes Aussehen in Verbindung mit seinen mentalen Fähigkeiten waren seine wahre Superkraft, dachte er. Das Einzige, was ihn zu dem Einen machte. Zu dem Auserwählten. Aber leider drehte sich niemand mehr nach ihm um.

Die Menschen klebten heutzutage buchstäblich an ihren Bildschirmen. Das waren winzige Monitore, die an ihren inneren Augenlidern befestigt waren und sich mit einem Wimpernschlag einschalteten. Einmal eingeschaltet, wurde der Bildschirm selten wieder ausgeschaltet. Genau wie die Pillen schluckten die Menschen heutzutage auch jede Menge Inhalte. Insgesamt war es eine überwältigende Menge an Inhalten an einem Tag, genug, um eines der früheren Jahrhunderte zu füllen. Und die Inhalte waren auch intensiv. Intensiv genug, um einem noch jahrhundertelang den Kopf zu verdrehen. Die Nachrichten waren auf die individuellen Vorlieben der Menschen zugeschnitten und wurden mit einem moralisch-emotionalen Ton erzählt, um deren Aufmerksamkeit zu erregen3. Die Nachrichten wurden von Filmmaterial in preisgekrönter Qualität begleitet, voller emotional packender Szenen und spannender dramatischer Geschichten. Das war eine Erfolgsformel, ein sofortiger Hit. Zu seiner Enttäuschung wurden Nachrichten zu einer weiteren Art von Geschichten, da Fakten oft gegen Fiktion eingetauscht und objektive Wahrheiten durch verschwörerische Erzählungen verfälscht wurden4. Der journalistische Trend schwappte auch auf die Forschung über. Schon bald lasen sich wissenschaftliche Artikel wie Krimis. Wie sich herausstellte, versklavten die Menschen die künstliche Intelligenz, nur um sie für Unterhaltungszwecke einzusetzen. So begannen sie, Artikelmühlen zu gründen und Artikel zu produzieren, die eher dem aktuellen politischen Klima als der Realität entsprachen. Und die Wahrheit, wie er sie kannte, gab es nicht mehr. Die Menschen lebten in einer postfaktischen Welt.

Es war eine Blaue-Pillen-Welt, die sie selbst geschaffen hatten. Neo saß in einem Restaurant und beobachtete die Menschen um ihn herum. Die meisten von ihnen saßen verloren neben ihren Getränken und waren meist in Gedanken versunken. Die Restaurants dienten heutzutage nur noch kosmetischen Zwecken. Mit dem Anbruch der Lebensmittelindustrie und der Entwicklung neuer Technologien hatten die Menschen keinen wirklichen Bedarf mehr an Getränken oder Geselligkeit.

„Schau sie dir an, sie sehen aus wie Zombies“, dachte Neon sich, als ihn ein gewisses Gefühl von Déjà-vu überkam.

„Moment mal, diese Szene habe ich schon einmal gesehen“, wurde ihm plötzlich klar.

„Diese Schlafenden, die in Kokons in der künstlichen Gebärmutter namens Matrix lagen. Das ist es! Das ist die neue Matrix“, kam ihm ein offenbarender Gedanke, bevor er zu einer düsteren Schlussfolgerung gelangte.

„Nur dass wir uns dieses Mal selbst für die Matrix entschieden haben“, schloss er resigniert, nahm einen letzten Schluck und stand auf, um das Restaurant zu verlassen. Er wollte gerade hinausgehen, wurde jedoch von einer scharfen, hallenden Stimme unterbrochen.

„Hey, Hübscher! Gehst du schon? Was hast du heute vor?“ Die Stimme hallte in Neos Ohren wider und er wusste sofort, dass sie nicht von innen kam. Es war eine Stimme von außen, die auch nicht zu einer Kassierperson gehörte, da diese Rolle längst vergessen war, ein Relikt aus längst vergangener Zeit. In allen anderen Fällen hätte Neo sich nicht die Mühe gemacht, den Kopf zu drehen. Aber diese Stimme hatte etwas an sich. Sie war klar und deutlich, voll und lebendig, sie hatte definitiv die Kraft, Köpfe zu drehen. Also drehte er seinen Kopf in Richtung der Stimme. Eine wunderschöne Frau unbekannten Alters sah ihm direkt in die Augen.

„Sprichst du mit mir?“ Neo war so überrascht, dass er etwas Zeit brauchte, um sich zu erholen, und stellte daher eine sehr offensichtliche Frage. Die Szene war so seltsam und doch so vertraut. Er fühlte sich sofort wie eine Figur aus einer alten Filmszene.

„Siehst du noch jemanden anderen?“, entgegnete die Frau schnell mit einer weiteren Frage. Das war eigentlich auch zu erwarten gewesen. In letzter Zeit waren die Menschen fast nie offline, sodass sie trotz ihrer physischen Anwesenheit weitgehend als abwesend galten.

„Ich spreche mit dir, Neo. Willst du die Realität noch einmal durchbrechen? Komm, lass uns gemeinsam die Realität durchbrechen!“, rief sie aus und er zuckte vor ihr zurück. Es war nicht die Tatsache, dass sie seinen Namen kannte, die ihn ein zweites Mal überraschte. Die Identität der Menschen war kein Privatbesitz mehr. Es war die absurde Frage, die sie stellte. Also reduzierten sich seine Stimme und seine Vernunft wieder auf eine offensichtliche Frage.

„Und wie sollen wir das deiner Meinung nach machen?“, murmelte er.

„Das ist ganz einfach! Komm mit mir mit. Ich gehe in den Stadtpark“, antwortete die Frau bereitwillig mit einer etwas höheren Stimme, die vor Eifer nur so sprühte.

„In den Park? Du meinst die ausgewiesene Grünfläche in der Stadt mit Wiesen, Bäumen und Gärten?“, murmelte Neo und stolperte fast aus der Tür des Restaurants.

„Ja, du Dummkopf! Wo sonst findet man heutzutage einen Park?“, gab die Frau selbstbewusst zurück und lächelte dann mit einem einzigartig strahlenden Lächeln. Diese Ausstrahlung war nicht das Ergebnis der mikrofluoreszierenden Kosmetika, die in letzter Zeit sehr beliebt waren. Diese Frau strahlte vor Lebensfreude und war bereits auf dem Weg zum Park.

„Aber warte mal, was? Um des Einen willen, was sollen wir dort machen?“, fragte Neo mit zögerlicher Stimme. Dieses Mädchen, dieses Gespräch, dieser seltsame Vorschlag … Es war alles so ungewöhnlich. Er war nicht mehr so jung, dass er sich gedankenlos in ein Spiel stürzen konnte, und nicht so alt, dass er die Welt davor vergessen hatte. Er war sehr misstrauisch und verwirrt über die Dreistigkeit des Ganzen.

Die Frau spürte seine Unruhe und stand einen Moment lang ruhig da, bevor sie mit sanfter, zärtlicher und beruhigender Stimme antwortete.

„Keine Sorge, Neo. Wir werden nur laut vorlesen. Ein Buch. Ein echtes Buch.“

Diese Geschichte wurde aus dem Englischen von Helena Hartmann mithilfe von DeepL übersetzt und ohne Hilfe von KI geschrieben.

Fußnoten

1 Wachowski L., & Wachowski L (Directors). (1999). The Matrix [Film]. Warner Bros; Village Roadshow Pictures; Groucho Film Partnership.

2 Porciello, G., Monti, A., Panasiti, M. S., & Aglioti, S. M. (2024). Ingestible pills reveal gastric correlates of emotions. Elife, 13, e85567. https://doi.org/10.7554/eLife.85567

3 Brady, W. J., Wills, J. A., Jost, J. T., Tucker, J. A., & Van Bavel, J. J. (2017). Emotion shapes the diffusion of moralized content in social networks. Proceedings of the National Academy of Sciences, 114(28), 7313-7318. https://doi.org/10.1073/pnas.1618923114

4 Lantian, A., Wood, M., & Gjoneska, B. (2020). Personality traits, cognitive styles and worldviews associated with beliefs in conspiracy theories. Routledge handbook of conspiracy theories, 155-167. https://doi.org/10.4324/9780429452734-2_1

Die Studie

Gjoneska, B. (2021). Conspiratorial beliefs and cognitive styles: An integrated look on analytic thinking, critical thinking, and scientific reasoning in relation to (dis)trust in conspiracy theories. Frontiers in Psychology, 12, 736838. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2021.736838

Die Verbindung zwischen Geschichte und Studie

Die Studie untersucht den Zusammenhang zwischen erhöhter Rationalität und vermindertem Glauben an Verschwörungstheorien. Insbesondere hebt er die Bedeutung von drei unterschiedlichen kognitiven Stilen (analytisches Denken, kritisches Denken und wissenschaftliches Denken) für die kritische Bewertung von Verschwörungstheorien hervor.

Der Zusammenhang zwischen der Wissenschaft (d. h. der Artikel) und der Fiktion (d. h. der Geschichte) wird durch drei Hinweise hergestellt, die im letzten Satz der Geschichte erscheinen.

  1. Der Begriff „echtes Buch”, der sich auf ein Buch bezieht, das…
    • … ein physisches (und kein digitales) Objekt ist;
    • … von einem Menschen (und nicht von einem KI-Algorithmus) hergestellt wurde;
    • … vermutlich intellektuell anregend ist.

In dieser Hinsicht könnte das Lesen eines Buches als eigenständige Tätigkeit (ohne parallele Aktivitäten oder ständige Unterbrechungen) die Chancen für eine kritische Bewertung dessen Inhalts erhöhen. Wenn ein Buch zudem von einem Mitmenschen mit (einigermaßen) vergleichbaren Erfahrungen verfasst wurde und inspirierend ist, wird es in der Regel als authentisch und zum Nachdenken anregend angesehen, was die Möglichkeiten für eine kritische Bewertung erhöht.

  1. Der Ausdruck „laut vorlesen” bezieht sich auf eine visuelle und auditive Stimulation beim Lesen des Buches, d. h. auf die Möglichkeit, das Buch mit mehr als einem Sinn aufzunehmen. Dies würde die Chancen für ein fokussiertes und konzentriertes Lesen erhöhen, was wiederum die Möglichkeit einer kritischen Bewertung des Inhalts erhöht.

  2. Die Einladung zu einer gemeinsamen Lesesitzung in der Natur. Dies eröffnet Möglichkeiten für eine ununterbrochene Diskussion und Interpretation des Inhalts, was wiederum die Möglichkeiten für eine kritische Bewertung des Buches erhöht.

Kurz gesagt, die Geschichte erinnert an Aktivitäten, die das analytische Denken (Neigung zur langsamen und bewussten Verarbeitung von Informationen) und das kritische Denken (Bereitschaft, Fakten zu berücksichtigen, zu überdenken, zu bewerten, zu überprüfen und zu interpretieren, um bestehende Überzeugungen zu aktualisieren) beim Aufnehmen der Welt um uns herum fördern.

Die Autorin

Biljana Gjoneska (MD, PhD) arbeitet als Forscherin an der Macedonian Academy of Sciences and Arts und beschäftigt sich mit Themen aus den Bereichen Sozialpsychologie und soziale Neurowissenschaften. Neben ihrer Forschungstätigkeit schreibt sie Lieder, Essays und Kurzgeschichten (in ihrer Muttersprache), hat mehrere Preise für Kurzgeschichten gewonnen und wurde in mehrere Anthologien (in ihrem Heimatland) aufgenommen.

Die Idee zu dieser Geschichte kam ihr, als sie sich in einem hypnopompischen Zustand (einem halb bewussten Zustand des Aufwachens) befand, nachdem sie viele wache Stunden damit verbracht hatte, eine Verbindung zwischen ihrer Wissenschaft und dieser Fiktion zu finden. Das bedeutet, dass Inspiration nicht vom Himmel fällt, sondern ein Nebenprodukt der mühsamen Erforschung eines Themas ist, das einen interessiert.

Weitere Informationen finden sich auf ihrer persönlichen Website: https://www.evermind.me/.

Ein Beispiel für einen Song in englischer Sprache findet sich auf https://www.evermind.me/word-wound-web/autumn-song/.

Science and Fiction
Science and Fiction
Wo wissenschaftliche Ergebnisse und fiktionale Geschichten zusammentreffen.